Die heilende Kraft der Grünlippmuschel ?

Die Grünlippmuschel, die ein wenig unserer heimischen Miesmuschel ähnelt, gilt als probates Mittel bei Erkrankungen der Gelenke. Das haben zahlreiche Studien ergeben. Daher werden entsprechende Präparate sehr häufig bei Sportlern, Senioren und Menschen mit bestimmten Erkrankungen angewendet. Ob das „Nahrungsergänzungsmittel mit erwiesener therapeutischer Wirkung“ noch weitere positive Wirkungen auf die Gesundheit besitzt, wird laufend untersucht. Es gibt erste Hinweise darauf, dass auch die Atemwege von den Inhaltsstoffen der Grünlippmuschel profitieren könnten. Unbestritten ist: Die Muscheln besitzen hochinteressante gesunde Nährstoffe, die allgemein aufbauend und immunstärkend wirken.

Woher kommt die Grünlippmuschel?

Der einzige Ort, wo die Grünlippmuschel natürlicherweise vorkommt, ist Neuseeland. Vor allem die in Küstennähe wohnenden Ureinwohner Neuseelands, die Maori, nutzen die Muscheln schon immer als Delikatesse in der Ernährung. Dabei waren sie sich aber auch immer der gesundheitlichen Bedeutung von Perna canaliculus – so der lateinische Name der Grünlippmuschel – bewusst. Seitdem durch Studien belegt werden konnte, dass die Grünlippmuschel auch medizinisch genutzt werden kann, werden die Muscheln in Zuchtfarmen aufgezogen. Das passiert aber nach wie vor ausschließlich in Neuseeland, wo auch die ersten Verarbeitungsschritte zur Gewinnung von Grünlippmuschelextrakt vorgenommen werden. Dieser ist Ausgangsprodukt für alle Darreichungsformen. Allerdings werden nach wie vor 90 % der Muscheln für den Verzehr produziert, nur 10 % der Ernte geht in die pharmazeutische Nutzung.

Wie wird Grünlippmuschelextrakt gewonnen?

Perna canaliculus wachsen auf Muschelbänken, die Ernte erfolgt nur einmal im Jahr. Zur Gewinnung des begehrten Extraktes werden die Muschelschalen aufgebrochen, das Muschelfleisch heraus zentrifugiert und zerkleinert. Anschließend wird es gefriergetrocknet, das heißt: Die Flüssigkeit wird ohne Hitzeeinwirkung schonend entzogen. Anschließend wird die Masse zu Pulver vermahlen. Das bildet die Basis für alle weiteren Zubereitungen. Aus fünf Teilen Muschelfleisch wird ein Teil Konzentrat gewonnen.

Welche Heilkräfte besitzt die Grünlippmuschel?

Die Wirkstoffe der Grünlippmuschel hören sich schon etwas merkwürdig an: GAGs, PUFAs, DHA, EPA, ETA sind die Kürzel, die die Wirkung von Grünlippmuschelextrakt im Wesentlichen erklären. Eine Palette bekannter Inhaltsstoffe, etwa Antioxidantien und Proteine, kommen hinzu. Die Hauptwirkstoffe sollen hier näher betrachtet werden:

Glucosaminglykan (GAGs)

Bei den GAGs handelt es sich vereinfacht gesagt um bestimmte Saccharide, also Kohlenhydrate. Unter anderem gehören dazu Hyaluronsäure, Heparin, Heparansulfat, Chondoitinsulfat und Keratansulfat. Diese GAGs gelten als wirksame „Schmiermittel“ für die Gelenke. (1) Sie können sehr gut Wasser binden und versorgen dadurch die Gelenke mit Flüssigkeit.

Die Wirkung:

Mit fortschreitendem Alter oder bei besonderer Beanspruchung, etwa durch Leistungssport, verlieren die Gelenke die Fähigkeit, ausreichend Gelenkschmiere zu produzieren. Das betrifft vor allem gewichtsbelastete Gelenke (Knie, Hüfte). Der Knorpel baut sich dadurch ab, die Knochen reiben aufeinander und es entsteht der typische Arthrose-Schmerz. Eine verbesserte Versorgung mit Flüssigkeit lindert die Schmerzen. Da die Maori mit ihrem hohen Muschelkonsum bis ins hohe Alter arthrosefrei blieben, beschäftigte sich die Forschung mit diesem Phänomen und es zeigte sich, dass unter anderem die GAGs – im Zusammenspiel mit den übrigen Wirkstoffen der Grünlippmuschel – dafür verantwortlich zeichneten.

polyunsaturated fatty acids (PUFAs)

Bei den PUFAs handelt es sich um wertvolle Omega-3-Fettsäuren. Dazu zählen die als Anti-Aging Wirkstoffe bekannten essentiellen Fettsäuren DHA (Docosahexaensäure) und EPA (Eicosapentaensäure). Außerdem das selten vorkommende ETA (Eicosatriensäure), zwar eine Omega-6-Säure, die aber antagonistisch gegen die entzündungsfördernde Arachidonsäure wirkt. Im Falle der Perna canaliculus kommt noch das bemerkenswerte Lyprinol hinzu. Das kommt ausschließlich in dieser Muschel vor und ist eine Verbindung von gleich 12 verschiedenen Omega-3-Fettsäuren.

Die Wirkung:

PUFAs und insbesondere Lyprinol wird eine stark entzündungshemmende Wirkung auf den gesamten Organismus zugeschrieben.(2) Arthrose geht oft mit Entzündungen in den Gelenken einher. Vor allem Knie und Hüfte sprechen gut auf eine Therapie an. (3) Aber auch viele rheumatische Erkrankungen beruhen auf entzündlichen Vorgängen, die die Gelenke angreifen, etwa rheumatoide Arthritis (RA). Daher wird Grünlippmuschelextrakt auch gegen RA eingesetzt.

Studien haben sich zudem mit der Frage beschäftigt, ob die Anwendung der Wirkstoffe auch gegen Asthma hilfreich sein könnten. Eine Humanstudie der Hospital Therapeutic Clinic, Pavlov Medical University in St-Petersburg, sollte belegen, dass die entzündeten Schleimhäute durch Grünlippmuschelgabe zum Abschwellen gebracht werden können. Und wirklich reduzierte sich das Lungenpfeifen der behandelten Patienten deutlich. Die Atmungsgeschwindigkeit nahm zu und auslösende Enzyme wurden blockiert. (4)

Antioxidantien

Viele Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, sekundäre Pflanzenstoffe und Enzyme zählen zu den Antioxidantien. In Perna canaliculus konnten acht gelenkwirksame Vitamine und zwölf förderliche Mineralstoffe und Spurenelemente nachgewiesen werden. Darunter Kalzium, Kalium, Magnesium, Natrium und vor allem ein hoher Gehalt an Kieselsäure. Durch das darin enthaltene Silizium werden gesunde bindegewebsartige Strukturen in Knorpel und Knochen gebildet, die die Gelenke stützen. Auch Haut und Haare können übrigens davon profitieren.

Proteine

Mit einem Anteil von rund 63 Prozent liegt der Proteingehalt der Grünlippmuschel sehr hoch. Die Eiweißzusammensetzung ist sehr speziell und enthält nicht–essentielle und essentielle Aminosäuren. Auch diese Aminosäuren wirken aktiv an der Gesunderhaltung und Heilung von Gelenken mit.

Zu beachten ist: Bei der Einnahme des Grünlippmuschel-Extraktes ist ein wenig Geduld gefragt. Denn der Extrakt wirkt auf ernährungsphysiologischem Weg und es dauert einige Zeit, bis die volle Wirkung sich entfalten kann!

Welche Nebenwirkung ist bei der Anwendung möglich?

Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch gelten Grünlippmuschel-Präparate als nebenwirkunsgfrei und gut verträglich. Vor allem für den Magen-Darm-Trakt erweisen sie sich als schonender als beispielsweise Fischöl-Präparate und insbesondere Schmerz- und Entzündungsmittel. (5) Eine sehr selten verzeichnete Nebenwirkung können Blähungen sein.

Achtung: Muscheleiweiß kann allergische Reaktionen hervorrufen. Wer also unter Fisch- oder/und Muschelallergie oder –unverträglichkeit leidet, sollte keine Produkte aus Grünlippmuschelextrakt einnehmen. Im Zweifelsfall ist der Arzt zu befragen.

In den USA wird außerdem Schwangeren und Stillenden vorsichtshalber von der Anwendung abgeraten, da Studien zur Wirkung während dieser Zeit bisher nicht vorliegen.

Welche Darreichungsformen gibt es?

Präparate aus und mit Grünlippmuschel sind in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich: Kapseln, Tabletten und loses Pulver zum Einnehmen, Salben, Balsam oder Gel für die äußere Anwendung. Kapseln werden am häufigsten verwendet, da sie einfach zu handhaben sind. Als besonders wirksam gilt die flüssige Muschel. Sie wird durch ein spezielles Herstellungsverfahren stabilisiert und wird als reine Flüssigkeit oder in Kapseln verpackt angeboten. In Reformhaus, Apotheke oder online sind die Produkte zu kaufen. Das Angebot ist riesengroß, daher sollte auf gute Qualität geachtet werden.

Die äußerliche Anwendung hat sich bei Sportverletzungen und Prellungen bewährt. Die Heilung wird beschleunigt und die Schmerzen gelindert. Auch nach besonderer Anstrengung zur Prävention sind Salbe, Balsam oder Gel gut geeignet.

Es gibt die Muschel aber auch für den frischen Verzehr. Sie ist unter der Bezeichnung „neuseeländische Grünschalmuschel“ als nährstoffreiches und schmackhaftes Lebensmittel im Handel zu finden.

Wie wird eine gute Qualität der Grünlippmuschelpräparate gesichert?

Die Zucht der neuseeländischen Grünlippmuschel unterliegt den weltweit strengsten Qualitätsnormen. Wasser und Muscheln werden ständig auf Verunreinigungen (beispielsweise Schwermetalle und Dioxin) kontrolliert. Am Ende ist die zur Herstellung von Gesundheitsprodukten frei gegebene Ernte immer mit einem Gesundheitszertifikat versehen, das den Kriterien der Europäischen Union entspricht.

Ein Qualitätsunterschied kann durch die Weiterverarbeitung entstehen. Bei zu großer Hitzezufuhr können wichtige Nährstoffe verloren gehen. Manchen Produkten werden durch Extraktion die wichtigen Lipide (Fettsäuren) entzogen, ohne die das Mittel als minderwertig einzustufen ist. Sie werden als „Muschelkonzentrat“ verkauft und sind deutlich preiswerter.

Was hat die Grünlippmuschel mit Tieren zu tun?

Die heilende Wirkung der Grünlippmuschel wird in der Tiermedizin auch bei Gelenkerkrankungen von Pferden, Hunden und Katzen genutzt. Auch hierzu gibt es inzwischen zahlreiche Studien. (6, 7, 8) In Pulverform wird die Muschel als gesunde Nahrungsergänzung dem Futter beigemischt. Es soll für kräftige Sehnen, festes Bindegewebe und gesunde Gelenke sorgen.

Fazit
Die Grünlippmuschel bringt einige sehr spezielle Nährstoffe mit, die das Nahrungsergänzungsmittel therapeutisch wertvoll machen. Präparate mit Grünlippmuschelextrakt werden daher bei Gelenkerkrankungen wie Arthrose und rheumatoider Arthritis in der Therapie unterstützend eingesetzt. Es wirkt schmerzlindernd und entzündungshemmend. Sportler schätzen die Präparate bei hoher Beanspruchung ihrer Gelenke zur Regeneration. Bei Senioren kann der Extrakt dem Abbau der Gelenkflüssigkeit entgegen wirken und Verschleiß minimieren.

Studien weisen darauf hin, dass auch Asthma ein Anwendungsgebiet für die Muschel und ihre Wirkstoffe sein könnten. Die Forschung befasst sich weiterhin mit dieser Frage.

Der Extrakt wird auch allgemein zur Gesunderhaltung empfohlen. Haut und Haare sollen davon profitieren können, ebenso das Herz-Kreislauf-System. Hierzu liegen allerdings keine gesicherten Erkenntnisse vor.

Quellen:
(1) Bundesgesundheitsamt Berlin: Bekanntmachung über die Zulassung und Registrierung von Arzneimitteln (Aufbereitungsmonographien für den humanmedizinischen Bereich). D-Glucosamin. Bundesanzeiger 44, Nr. 104; 45-50; 31. Januar 1992

(2) Halpern GM: Anti-inflammatory effects of a stabilized lipid extract of Perna canaliculus (Lyprinol). 2000

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11094640

(3) Cho SH et al.: Clinical efficacy and safety of Lyprinol, a patented extract from New Zealand green-lipped mussel (Perna Canaliculus) in patients with osteoarthritis of the hip and knee: a multicenter 2-month clinical trial. 2003

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12872680

(4) Emelyanov, A. et al.: Treatment of asthma with lipid extract of New Zealand green-lipped mussel: a randomised clinical trial. 2002

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12358334

(5) Coulson S. et al: Perna canaliculus (Green-Lipped Mussel): Bioactive Components and Therapeutic Evaluation for Chronic Health Conditions. 2015

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26462365

(6) http://www.thp-hund.de/archiv/meldung-einzelansicht/datum/2013/05/14/arthrose-und-arthritis-bei-hunden-erfolgreich-behandeln/

(7) Pollard et al. 2006. Clinical efficacy and tolerance of an extract of green-lipped mussel (Perna canaliculus) in dogs presumptively diagnosed with degenerative joint disease. N Z Vet J 54(3), 114-8

(8) Cayzer et al. 2012. A randomised, double-blinded, placebo-controlled study on the efficacy of a unique extract of green-lipped mussel (Perna canaliculus) in horses with chronic fetlock lameness attributed to osteoarthritis. Equine Vet J 44(4), 393-8; doi: 10.1111/j.2042-3306.2011.00455.x